Kunstraum Liebusch

  
Workshops und Kurse von Brigitte Bee

 

         

 

Kreatives Schreiben unter Leitung von Brigitte Bee

Anmeldungen und Anfragen: Brigittebee@web.de

Brigtte Bee, Portrait von Annegret Zander

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Internet-Anthologie der Frankfurter Schreibwerkstatt

Aus der Schreibwerkstatt: Texte zum Thema Geld

von Anke Brettnich, Regine Schütz, Sylvia Schöningh, Susanne Thauer


Stand: Oktober 2012



Kreatives Schreiben
Anmeldungen und Anfragen: brigittebee@web.de
Kurse und Workshops unter Leitung von Brigitte Bee:
EVA-Lyrikwerkstatt
EVA-Schreibwerkstatt
Frankfurter Schreibwerkstatt in der Kreativwerkstatt des Frankfurter Verbands
EBZ Bad Orb



 

 

Leider müssen meine Kurse in Frankfurt ausfallen!



 


 

 

Internet-Anthologie der Frankfurter Schreibwerkstatt

 

"Als ich das Licht der Welt erblickte"

 

Vorwort

 

Alle waren dabei, aber kaum jemand kann sich erinnern, oder doch? Da gäbe es allerhand zu erzählen, viel Lustiges, Tragisches aber auch Skurriles.

Mithilfe der Versenkung in das Gefühlsleben eines Embryos, einem Quäntchen Phantasie, angereichert mit Erinnerungen vom Hörensagen und von der Erfahrung bei der Geburt eigener Kinder wird es möglich eine Geschichte der eigenen Geburt zu schreiben. Jede Geschichte ist ein bisschen anders, so wie die Personen und deren Erzählstil verschieden sind.

Dieses Projekt entstand auf meine Anregung in 3 verschiedenen Frankfurter Schreibwerkstätten, die sich dem autobiographischen und kreativen Schreiben verschrieben haben.

 

Autor/inn/en mit den Links zu den Texten:

 

Brigitte Bee, Hans Dieter Gossing, MOL, Jasmin Holde, J.-G. Josua,

Petra Milz, Laura Bach, Gisela Ludwig, Ingeborg Josky, Ulla Hövo,

Angelika Wagner, Esce Dabor, Hannelore Voith, Waltraud Hackerts

Petra Binzer, Jörg Brecht, Venerea Tirreno Schneider, Sylvia Schöningh, Susanne Thauer

 


 

Internet-Anthologie der Frankfurter Schreibwerkstatt

"Liebe, Treue, Eifersucht"

 

Neulich an der Fleischtheke / Anke Brettnich

Sie tat so, als sähe sie ihn nicht. Männer, von denen gab es auf den Seniorennachmittagen doch immer zu wenig, sie starben in den Kriegen oder verließen ihre Frauen. Nein, auf Männer war einfach kein Verlass.

 

Die Venusmuschel / Anke Brettnich

Vorsichtig steckte Verena den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um, einmal, zweimal, ja, sogar dreimal. Ihr Kollege schien ein misstrauischer Mensch zu sein, der sich vor seiner Außenwelt schützen wollte, dachte sie dabei und lächelte. weiter

 

Ein verliebtes Paar / Hannelore Voith

Treue, ha! Ja, Treue hatte sie ihm am Altar geschworen, ihrem dritten Ehemann, Hugo Bommersheim. Treue bis in den Tod, die konnte er jetzt haben. zum Text:

 

Dazwischen liegend / Jodith Berhe

Üblicherweise heißt es, ich stehe zwischen zwei Entscheidungen, ich aber lag zwischen ihnen. zum Text:

 

Gestern / Jodit Berhe

flüstern fliegen die worte zu boden: gestern traf ich ihn wieder. im regen.

 

An apple a day / Petra Binzer

Inge hasste das Geräusch, das ihr Mann machte, wenn er Äpfel aß. Und er aß jeden Tag mindestens drei bis vier Äpfel. zum Text:

 

Erste Liebe / Petra Milz

„Schau mal, Hanne, da kommt er!“ „Wo denn? Ich seh’ nichts.“ Hanne war einsfünfzig. Meine Fernsicht war entschieden besser. Ich war geradezu ein Leuchtturm gegen sie. zum Text:

 

Ein gemütlicher Abend / Susanne Thauer

Sie setzte sich auf das Sofa und wartete, dass Jürgen vom Fernseher aufstehen würde und endlich zu ihr käme. Sie hatte doch alles so schön vorbereitet, die Sektschalen bereitgestellt und sogar gelbe Rosen liebevoll in eine Vase geordnet, auch wenn sie genau wusste, dass ihr Mann Blumen gar nicht mochte. zu den Texten:

 

Unverbrüchliche Treue / Susanne Thauer

Wer hat ihr diesen Zettel geschrieben? Woher stammt die infame Verleumdung, die behauptet, sie habe ein Techtelmechtel mit dem Schulleiter?

 

Die verkaufte Braut / Susanne Thauer

„Du hast ein Rendezvous!“ Die Mutter ging eng an ihrer Tochter vorbei und flüsterte ihr ins Ohr. „Morgen Nachmittag. Mach dich hübsch, ja?“

 

Emmis Sehnsucht / Sylvia Schöningh

Er lächelte sich selbst entgegen und probte jenen Blick, der ihn, wie er wusste, für die Mädchen verführerisch machte. Er hatte schon vor einiger Zeit beschlossen, dieses Talent bald zu seinen Gunsten einzusetzen. zu den Texten:

 

Zigarillo / Sylvia Schöningh

Es ist ihre erste erotische Erfahrung nach Jahrzehnten ehelicher Sterilität.

 

Bilderbuch-Ehe / Venera Tirreno-Schneider

„Wie konnte er mir das antun? Was fehlt an mir, was die andere hat? Ich kann es nicht fassen. Nach zwanzig Jahren glücklicher Ehe.“ zum Text:

 


 

Internet-Anthologie der Frankfurter Schreibwerkstatt

 

EVA - Lyrikwerkstatt


“Musenküsse und Wort-Schattenspiele” von

Elke Böhm, dag-mar, Christine Dietz, Elvira Freienstein, Uschi Hörtig –Votteler, Katharina Reccius, Gertraude Schön, Barbara Schulz, Christa Truthe, Karin Walther-Weckmann



Foto: Christiane Schüppler (...extra dafür aus Hamburg angereist, vielen Dank!)

 

Musenküsse und Wort-Schattenspiele

Die rätselhafte Alchimie der Liebe, die Nacht,

der Mond, der Schatten und die Sehnsucht

sind die großen Themen der Poesie.

 

9 Frauen aus der Lyrikwerkstatt lesen ihre wilden und gezähmten Wort-Schattengefechte und laden zu geheimnisvollen Poesie-Zeitreisen ein.

 

Leitung: Brigitte Bee

 

 

Leseproben:

 

 

Ich Euterpe, bin eine friedfertige Frau

Liebe den Kampf ohne eiserne Waffen

Mit Wortwitz und listigem Spiel

Gewann ich manch Schattengefecht.

Barbara Schulz

*

Mneme, Göttin des Lichts, was bringst du mir?

Deine Gaben sind Erinnerungen ans glück.

Sie vertreiben und überstrahlen die Trauer.

Glück erhellt das Jetzt.

Meta Dietz

*

Terpsichore dreht singend sich im Reigen.

Frohlockt mit Kreativität zum Klang der Geigen.

Schlägt heiter eine Melodie des Herzens.

Oh Lust auf Leben.

Elvira Freienstein

*

Der Duft der himmlischen Apfelbäume
steckt tief in manchem Lyrikband
und hält doch trotz der Macht der Träume
dem Zeitungsblätterwald kaum stand

Elke Böhm

*

Schlagschatten und Schattenmorellen

Flirrende Sonne und gleißendes Licht,

Insektengesumme im Garten der Lüste.

Schlagschatten des Kirschbaums fällt auf die Frauen,

die beide den köstlichsten Ohrschmuck tragen

von Schattenmorellen, prallrot und reif.

Köstlich die Liebe auch zwischen den Zweien

wie die Früchte, die saftig im Munde zergehn.

Christa Truthe

*

apfelblütenträume
gepflanzt in kinderseele

wie leicht mein schritt
wie staunend mein blick - wie

ausgelegte netze - die
doch nur jahre einfingen

apfelblütengeschmack +
kindheit auf der zunge

schneeweiß im mai wie
engelsschwingen + ich

inmitten - darunter
ich stelle mir vor

dag-mar

*

Mit dem Schatten zum Licht

Ich liebe die Sonne, den Wind und das Meer

Der Wind treibt meine Angst, meinen Schatten durch den Sand

Der Sonne gehe ich entgegen - mein Schatten fällt hinter mich

Ich fühle mich verfolgt durch mich selbst.

Ist es ein Traum, immer nur im Licht zu leben?

Wie behindernd ist doch da der Schatten!

Erinnerungen an eigene Unzulänglichkeiten werden wach.

Steh´ ich mir wieder selbst im Wege?

Wie kann ich da genüsslich in der Sonne liegen?

Sag mir, sag: „Wie halte ich die Sonne fest?“

Lässt doch der schwindende Tag die Schatten noch größer werden!

Da hilft nur noch Eines: Zum Angriff übergehen!

Nimm die Schatten deines „Ich“ ganz fest in deine Arme,

Gib ihnen Geborgenheit und Liebe.So werden sie sicherlich deiner Angst Einhalt gebieten.

Sie zeigen sich dir als milde Freunde,

Die dir liebevoll das „Loslassen „ erleichtern.

Strahlendes Licht am Ende des Tunnels!

Uschi Hörtig-Votteler

*

Liebesalchemie

L Liebespaar
i im
e eisgekühlten
b blauen
e Erdgescheh`n
s sucht
a allabendlich
l liebeshungrig
c chronisch
h hilfesuchend
e Energienschub
m mit
i Ich -
e Erlösung

Karin Walther-Weckmann

*

Ein Papageiengedicht
(nach Christian Morgenstern,
unter möglichst häufiger Verwendung
der Buchstaben 'p' und 'a')

Ein Papagei aus Paraguay
wollt paaren sich partout
im Papageien - Paarungs- Park
mit Paris aus Paru.

Doch Paris, partiell platinblond,
die plapperte ihn matt,
drum war er für den Paarungsakt
am Paarungstag zu platt!

Gertraude Schön

 

Copyright: bei den Autorinnen, co. Lyrikwerkstatt EVA, Saalgasse 15, Frankfurt/M

 

 


Aus der Frankfurter Schreibwerkstatt: Texte zum Thema Geld

 

Geld

Der 50Euroschein glitzert und ist nagelneu. Er scheint keine Geschichte zu haben oder zumindest keine erzählenswerte. Oder vielleicht doch? Vielleicht hat ihn die große Geldpresse hektisch heisslaufend aus dem Nichts gestampft, um das schwarze Loch des globalen Finanzmarktes zu stopfen? Vielleicht ist sein fiktiver Wert sein wahrer Wert? Als die Regierungen in großer Angst vor dem Zusammenbruch ihrer Existenz die Presse heiß laufen ließen, da bekam das Geld plötzlich eine neue Leichtigkeit. Es erhob sich aus den Niederungen des Warenwertes und schwebte hinauf zum Himmel des postmodernen Kapitalismus, wo man es wie eine Erscheinung in vielfältigen Zungen anbetete. Es schmiegte sich zu grazilen Röhren, durch welche die jungen Banker der Londoner City ihr Kokain einsogen. Es flatterte übermütig über den Jachthafen von Nizza, um sich zärtlich zu schmiegen zwischen die Brüste der Eskortdamen. Grazil landeten die funkelnden Scheine in den großen Kunstgalerien, die es schnöde in ihre Safes stopften. Es war ihnen zu leicht geworden und zu kraftlos, um es noch ordentlich in Häufchen zu bündeln und mit Banderolen zu umwickeln. Vorbei die Zeiten des Film Noir, wo elegante Panzerknacker liebevoll ihr Handwerk an Safes gefüllt mit Geldscheinen erprobten. Heute wiegt ein brilliantenbesetzter Totenkopf von Damian Hurst schwerer als dies flatterhafte, allzu papierene Hure Geld.
Es rinnt uns einfach durch die Hände. Was kann Frau in den Nuller Jahren schon machen mit 50 Euro? Kauft der Glitzerschein etwa eine Keramikkrone über den nicht mehr zu flickenden Zahn hinten rechts? Mitnichten – noch nicht einmal ein Fitzelchen von dieser elfenbeinfarbenen Krone lässt sich mit dem aufgeplusterten Schein erwerben. Noch nicht einmal Löcher in den Zähnen kann man mit dem Papierfetzen stopfen! Und weil es so unheimlich leicht geworden ist, macht es uns Angst. Leben wir und das Geld noch im gleichen Universum? Uns ist der Zusammenhang zwischen Schein und Sein irgendwie abhanden kommen. Der Rest ist Spekulation. Das sehen die Hedgefond- Aufleger genauso. Hoch lebe die unheimliche Leichtigkeit des virtuellen Seins! Es mäht Millionen dahin in einer anderen Realität als der ihren.
In meiner Kindheit waren Geldscheine so richtig abgewetzt und zerknittert von den vielen Händen, durch die sie gegangen. Sie rochen nach etwas Konkreten, Sinnlichen. Nach Stunden Maurerarbeit, nach Jahren im Bauch einer Spardose, nach Kartoffelsäcken und Sonntagsbraten. Irgendwie schade, dass das Geld so flüchtig geworden ist!


Sylvia Schöningh

 



Geld stinkt nicht?

Was ist Geld? Scheine, Münzen, Wertpapiere? Das interessiert mich nicht. Aber materialisiert es sich, wird’s interessant.
Führungspositionen werden gut bezahlt. Man erkennt diese Menschen an ihren Statussymbolen: großes Auto, weiträumiges Büro, edle Kleidung, Machtgehabe.
Geld stinkt wohl: Das große Auto erzeugt viel CO2. Das Büro schafft Distanz, es täuscht Bedeutsamkeit vor, die Qualität der Arbeit in diesen Büros ist oft zweifelhaft Die edle Kleidung - Anzug oder Hosenanzug – ist monoton, soldatesk, grau. Wer dirigiert diese Marionetten? Und das Machtgehabe – scheinfreundliche Floskeln, dynamischer Schritt – verdeckt nur die Tatsache, dass jetzt von oben nach unten entschieden wird. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit? Das ist vorbei.
Diese Hierarchie stinkt zum Himmel und wird gut bezahlt. Geld stinkt also doch.

Regine Schütz

 



„Wenn du Geld brauchst...

...musst du sparen. Nicht essen gehen, nicht ins Kino, keine Bücher kaufen, sondern ausleihen, mit dem Fahrrad fahren, billigere Nahrungsmittel kaufen, keine neue Jeans, kein neues Top kaufen, keinen Urlaub buchen!
Wenn du mehr Geld brauchst, musst du jemanden finden, der dir was ausleiht. Am besten klärst du gleich am Anfang die Bedingungen: mit oder ohne Zinsen, wann zurück und so, damit die Freundschaft nicht darunter leidet, denn Geld und Freundschaft, das geht nicht immer gut zusammen.
Wenn du noch mehr Geld brauchst, hast du was falsch gemacht. Entweder sehr schlecht geplant, oder was Wichtiges übersehen, oder du willst jemandem helfen, der was falsch gemacht und schlecht geplant hat.
Wenn das alles nicht stimmt und du bist unverschuldet in eine echte Notlage geraten, dann hast du ein echtes Problem. Dann weiß ich auch nicht weiter. Von mir ist jedenfalls nichts zu holen. Ich brauche selbst Geld.“


Regine Schütz

 



Brüchige Vasen vergießen modrige Tränen

Geld verändert den Fluss, die Dinge bewegen sich anders, der Lauf verläuft sich, weiß nicht mehr, wo er ist, vergisst seine Schwünge, brüchige Vasen vergießen modrige Tränen. Da kommt Hans. Er ist wütend, so wütend. Gretel hat alles verdorben. Sie hätte ihm ein Kind schenken sollen. Stattdessen kommt eine Laus raus. „Wie sollen wir denn eine Familie gründen, wenn du nur Ungeziefer im Leib hast!“, schreit er sie an. „Wie sollen wir das Herrschaftshaus mit der Speiseeisfabrik von meinem Vater erben, wenn du keinen Statthalter herausbringen kannst?“
Gretel ist unglücklich. So viel Geld hatte sie bei den Ärzten gelassen, um dem schönen Schein zu genügen. Hatte den Busen vergrößern und die Nase verkleinern lassen, ihre Taille konnte ihr Liebhaber jetzt mit zwei Händen umfassen. Ihr Popo war nach drei Aufbaukuren knackig und rund, ihre Vagina schön wie ein Gemälde der Renaissance. Sie war eine Wiedergeborene! Eine Diva auf ihrer Muschel, die ihr langes Haar aus dem Turm herabließ, um der Hexe zu entkommen und sich dem Prinzen hinzugeben.
Hold, ritterlich, anständig und ehrenhaft hatte Hans sich ihr präsentiert. Und ihr Herz war bei seinem Anblick fast ins Stolpern geraten. Einen Sack voll Geld hatte er immer bei sich getragen. Das hätte ihr eigentlich damals schon komisch vorkommen sollen. Ein Jahr lebten sie friedlich zusammen, bis eines Tages der Leibarzt kam und die letzte Stunde des Schwiegervaters ankündigte. Gretel war gerade schwanger, wie jedermann sehen konnte, und so war der am Rande der Todesschlucht stehende Vater zufrieden: „Ihr könnt mein Geld und Gut erben, wenn es ein Sohn wird“, sagte er und stürzte sich in die Tiefe. Hans war über den Verlust des Vaters nicht sehr traurig, im Geheimen hörte er schon die Münzen klimpern.
Die Monate vergingen, noch einmal kam das letzte Hochwasser des Winters, dann war es so weit, die Geburt seines Sohnes nahte! Doch Gretel wurde an diesem Tag beim Überqueren einer Brücke von der rauschenden Flut ergriffen. Die Wellen zogen sie auf den Grund, entrissen ihr das Kind und spuckten sie leer und klebrig an das Ufer aus. Hans war ärgerlich. – Noch zweimal raubte die Natur Gretel ihre Kinder. Das Eheleben mit Hans war ein Martyrium geworden. Tagaus, tagein hockte er auf seinem Geldsack, während ihm die Haare ausgingen, die Ohren immer länger und die Augen immer kurzsichtiger wurden. Gretels Körper knirschte und knarzte, wenn er sich ihr näherte. Statt eines schönen aufrechten Schwanzes, der lustvoll das Dasein erkunden wollte, hing dem alternden Geizhals nur eine alte Fünf-Mark-Münze vorne herunter, modrig grün.
Das Geld ging ihnen langsam aus und wenn sie sich auch nicht liebten, hatten sie doch ein gemeinsames Ziel: Wir wollen das Erbe! Hans hatte seinen halben Geldsack geopfert, um Gretels Körper hochzutunen wie eine Luxus-Hifi-Anlage. Sie war eine Augenweide. Und der Liebhaber gab sein Bestes. Doch heraus kam nur diese Laus. Und es war nicht die erste. In der Rumpelkammer hinter der Küche hob Gretel ihre Läusezucht auf. Gemeinsam waren sie die Prügelstraße des Lebens gegangen, hatten sie sich geduckt, die Schläge eingesteckt und sich wieder aufgerichtet. Sie und ihre Läuseschar waren ja nicht ganz normal, im Dorf zeigte man mit Fingern auf sie.
Da begab es sich, dass ein Feuerball das Dorf durchrollte. Das kleine Gebilde wuselte von einer Straßenseite zur anderen. Es schnupperte, hob sein Bein und urinierte einen Feuerstrahl. Unbeeindruckt von den Menschen untersuchte der Feuerball alles, was sich ihm bot und hinterließ eine schmale Spur verbrannter Erde. Als Gretel den Feuerball das erste Mal sah, wich sie ihm ängstlich aus. Ihre Haarspitzen waren indes schon angekokelt. „Gretel, du Läusebraut!“, schrie Hans sie an, „du stinkst wie ein verbrannter Vulkan, ich will dich hier nicht mehr sehen. Hätte ich doch nur das Metzgersmädchen geheiratet, längst wäre ich ein gemachter Mann!“ Er wandte sich zur Tür. Ein Rumoren setzte da bei Gretel ein. Ihr Brustkorb hob sich mächtig, ihre Schultern wurden breit, ihre Augen groß, und mit einem mächtigen Schlag begrub sie ihn unter sich: „Du armseliger Fünf-DM-Wicht!“, schrie sie, „du sollst an deiner Gier ersticken!“ Und sie riss ihm die vermoderte Silbermünze aus dem Gemächt und stopfte sie ihm tief in den Hals. Hans verröchelte seinen letzten Atemzug. Aus.

Mit neuer Kraft erhob sich Gretel, warf den Kadaver in die Sickergrube hinterm Haus und ging durch den Kurpark nach Hause. Dort am Kamin kuschelte sie sich an Feuerball. Warme Feuerzungen umhüllten sie, knusprig angebrannter Duft durchzog den Raum. Ihr Herz hatte Feuer gefangen und aus ihrem Körper wuchsen Blumen. Ein zartes Meer aus weißen, blauen und gelben Blüten. Oft pflückte Feuerball einige Stengel und stellte sie in eine Vase. Die feinen Haarrisse darin hatte er mit Lavastaub verschlossen. Noch viele Generationen danach bewunderten die seltsame Schönheit dieser Blumenvase.


Anke Brettnich

 


 

Gunda und Isabelle, wie immer geht’s ums liebe Geld


„MDAX, SDAX, Nasdaq, Zertifikate, An...“. Gunda beugt ihren dürren Leib kummervoll über die Blätter vor sich auf dem Tisch. „Hallo, liebe Schwester, was murmelst Du da vor Dich hin?“ Isabelle, aus zärtlicherem Munde kurz Isa genannt, furcht die Stirn, ihre Augenbrauen schlagen bedenkliche Wellen der Ungeduld. „Siehst Du nicht, dass ich gerade zur Tür hereingekommen bin? Du hast Besuch und dürftest ruhig ein wenig lächeln und mir freundlich einen guten Tag wünschen.“ „Optionsscheine, Fonds, Musterdepot – ha, weniger Einspeisevergütung, was mag das wieder heißen?“ Gunda hebt genervt den Kopf. „Du bist es? Siehst Du nicht, dass ich arbeite? Was willst Du?“ „Ich wollte Eure Majestät, ha ha, um eine kleine Finanzspritze bitten, nur eine ganz geringe. Außerdem sollte mein Schwesterherz nicht so viel in der Stubenluft herumhocken und schuften. Schau, wie die Sonne lacht und uns nach draußen lockt. Und das mitten im Winter.!“
„Dieses Herumhocken, wie Du es bezeichnest, und meine sogenannte Schufterei in ungesunder Luft dienen ausschließlich dem Erwerb von Unterhalt, und dieses mein Gemurmel soll dem besseren Verständnis harter, trockener Fakten dienen. Aber davon streift Dich nicht die blasseste Ahnung. Ich werde von Kopfschmerzen geplagt und schmerzhafte Migränen suchen mich heim, während Du nichts als Vergnügen und das Verschleudern von noch mehr Geld in Deinem zarten Köpfchen trägst. Wenn ich von Deinen Sorgen nur höre: Boyfriend-Jeans, Ankle-Boots, Du hast doch wahrhaftig genügend Kleider im Schrank, in denen Du Deinen Körper zu Markte tragen kannst!“
„Spricht da Madame Neid?“ Isabelle beschließt, ihren Ärger herunterzuschlucken, auf diesem Wege kommt sie nicht zu dem Gewünschten: Zaster, Kohle, Moos, Piepen,wie auch immer man das liebe Geld benennen möchte. Aus dem Schmollmund zaubert sie ein entzückendes Lächeln auf ihre Lippen. „Schwester, lege Hass und Missgunst ab! Lass die Strahlen der Liebe in Deine verdunkelte Seele dringen, öffne Dein Herz der Schönheit, den zarten Seiten des Lebens. Dann bist Du des Kummers und der Sorgen ledig. Denk an den Spruch:'Liebe und Schönheit sind Dinge, die man nicht verstecken kann'.“
„Und Geld!“, fährt Gunda unwirsch dazwischen. „Du kennst den Spruch genauso gut wie ich. Und Geld! Welchen Leitsatz trug unser Vater immer auf den Lippen? 'Wenn man Geld hat, lebt man glücklich'. Nichtsnützerin!“ „Du mit Deinen Kalendersprüchen.“ Auf Isas Gemüt drohen erneut dunkle Wolken, doch ,schwupps, erscheinen die verlockenden Ankle-Boots vor ihrem inneren Auge. Mit denen käme ihr Hüftschwung richtig zur Geltung, himmlisch!Plötzlich klingelt ihr Handy. Isa angelt geschickt ihr modisches Spielzeug aus dem neu erworbenen Lederclutch. „Hallo, Liebster!“ Wie sie flötet, trällert, wie sie Kusshändchen wirft, ihr schönstes Lächeln mit süßen Abschiedsworten ihrem Geliebten ins Telefon haucht.
Dabei umtänzelt sie Gunda, biegt ihre schmale Taille und schüttelt die weichen Brüste. „Bist Du denn glücklich?“, wispert sie der mausgrau verbitterten Schwester ins Ohr. „Ich diene der Schönheit, der Sinnlichkeit, die uns berauscht und uns in der Sonne des Lebens glücklich werden lässt.“ Gunda hat genug. Empört setzt sie sich zur Wehr. „So also nennst Du das Abschlabbern und Geschleck, das Gegrabsche Deiner Galane, euer Herumgedrücke und Gefummele in düsteren Kaschemmen? Wo sind sie denn, Deine Anbeter, Deine Feuerjünglinge, die Du mit Deinen obszönen Tänzen unter Strom setzt, wenn es zur Bezahlung Deines Kleiderwahns geht? 'Ohne Geld hat man keine Freunde'. So endet nämlich besagtes Sprichwort. Meine Sache ist es nicht, ein hübsches Lärvchen mit Gesang und Allotria unter die Männer zu bringen.“
„Aha, Madame ist eifersüchtig. Ich sehe genau, wie Du auf meine runden Hüften, auf meine schwingenden Brüste starrst.“ Gunda sitzt steif vor Ablehnung. „Bah, ich studiere lieber Aktienkurse, zähle, häufe Geld, kurz, ich schufte, während Du die Röcke hebst und die Männer verführst. Isa schäumt. „Das verbitte ich mir! Ich habe stets die Herzen der Menschen erfreut.“ „Du meinst, die der Männer. Da lobe ich mir meine Art des Freudebringens. Ein bisschen Geld an ein Tierheim für notleidende Kreaturen, einen kleinen Batzen an eine Hilfsorganisation für hungernde Kinder. Da wird aufgebaut, Leben werden gerettet, das kann man von Deinen ewigen Kussmäulchen und Deinem Busengewackel nicht gerade behaupten.“ Gunda richtet sich ob ihrer unschlagbar guten Taten stolz auf.
„ Dass ich nicht lache!“ Isabelle wird es ihrer Schwester zeigen, sie in Grund und Boden drücken, diese Streberin, Rechthaberin. „Meine Vorführungen, wie Du sie nennst, senken Freude und Frieden in Männerherzen, die rauen Schalen werden weich und milde, es entstehen keine Krisen und Kriege mehr.Harmonie und Liebe breiten sich aus. Niemand mehr braucht Geld zum Protzen, zum Angeben. Ich kehre den Spruch: 'Schönheit ist mächtig – Geld allmächtig' einfach um und bewirke das Gegenteil! Machtgeilheit und Kriege, ade!“
„Du lieber Herr Gesangsverein! So viel Naivität in dem kleinen Köpfchen. Träum' weiter, Süße!“ Isabelle hat genug. Sie will endlich Geld für ihre Shoppingtour und ansonsten ihre Ruhe. „Lass uns endlich Frieden schließen, Schwesterherz! Wie lautet das kluge Gedicht aus längst vergangner Zeit? 'Alles besiegt die Liebe/ Alles erreicht das Geld./Alles endet mit dem Tode,/Alles verschlingt die Zeit.'“
Gunda wird blass, sie zittert nervös. „Das tangiert mich nicht im Geringsten. Glaubst Du, ich höre einfach auf? Mein Geld, meine schönen Ersparnisse, für die ich mich so abgerackert habe ein Leben lang, die lasse ich doch nicht einfach allein!? Mein geliebtes Portfolio!“ Sie stöhnt auf.
„ Ich wusste es, ich wusste es. Auch Du hast also die Liebe kennengelernt. Aber Geld, meinst Du, das nützt Dir im Himmel? Das Paradies ist geldfrei.“ Gunda zappelt, sie ringt die Hände, schnappt nach Luft, seufzt. Isa redet beschwörend auf die Schwester ein. „Im Grunde Deines Herzens gefällt Dir mein Leben, mein Tanz, mit dem ich die Männer becirce.“ Sie legt freundschaftlich ihren Arm um die Schultern der Schwester. Die windet sich schnell heraus. Gunda fühlt sich einer Ohnmacht nahe und knetet verzweifelt ein Taschentuch in ihren Händen. Isabelle flüstert:“Ich weiß ja, wie gern Du Deine Ehrpusseligkeit vor Dir herträgst wie ein Schild, auf welchem steht: Seht her, die aufrechte Gunda, die so ausgezeichnet ihr Geld zu vermehren weiß. Aber bedenke den klugen Satz:'Wenn der Tod kommt, hat der Reiche kein Geld mehr.' Das wars dann.“ Mit verschmitztem Lächeln fügt Isa hinzu:“ Wenn Du mich lieb bittest, suche ich unter meinen Verehrern einen für Dich. Aber lächeln, bitte!“ Gunda unterdrückt einen Schluchzer, schnell wischt sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Albträume überwältigen sie, man wird sie sicherlich bestehlen,sie sieht sich bereits ausgeraubt . Aber andererseits? Plötzlich stößt sie Isabelle in die Seite. „Aber – Muskeln muss er haben und Haare auf der Brust, und eins vor allem: Sparsam muss er sein!“ Erschrocken hält sie die Hand vor den Mund, rennt weg und knallt die Tür hinter sich zu.

Susanne Thauer

 


 

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